Self-Handicapping
Strategien, bei denen Menschen vor einer wichtigen Leistung ein Hindernis schaffen oder behaupten, damit ein Misserfolg dem Hindernis statt der eigenen Fähigkeit zugeschrieben wird.
- Art
- Motivation und Selbst · Selbstbehinderung
- Stand
- 08.10.2026
Kurz erklärt
Der Begriff wurde 1978 von Edward Jones und Steven Berglas eingeführt (Personality and Social Psychology Bulletin, 4(2), 200–206). Ihr Beispiel sind Alkoholkonsum und Minderleistung. Sie vermuteten, dass vor allem Menschen mit brüchigem, aber nicht völlig negativem Kompetenzgefühl die Strategie nutzen.
Heute unterscheidet man tatsächlich geschaffene Hindernisse (zum Beispiel weniger Vorbereitung) und behauptete Hindernisse (zum Beispiel berichteter Stress oder Angst). In beiden Fällen kann ein Misserfolg dem Hindernis zugeschrieben werden, ein Erfolg dagegen der eigenen Fähigkeit.
Habituelles Self-Handicapping hängt in einer Meta-Analyse mit 159 Studien (N = 81.630) am stärksten mit geringer Gewissenhaftigkeit, hohem Neurotizismus, geringem Selbstwert und Versagensangst zusammen (Schwinger et al. 2022).Die Daten sind überwiegend korrelativ und stammen überwiegend aus dem Bildungsbereich.
Wo es im Unternehmen auftaucht
- Kurz vor einem Termin heißt es plötzlich, man sei überlastet, krank oder habe keine Zeit zum Üben gehabt.
- Bei einem neuen Werkzeug wird die Einarbeitung immer wieder verschoben, mit guten Gründen, die sich nie ändern.
- Vor einer Präsentation werden die Erwartungen mit Hinweisen auf Stress und fehlende Vorbereitung gesenkt.
Typische Situationen aus der Praxis, keine Studienergebnisse.
So klingt es
- „Ich hatte diese Woche so viel Stress, da kann ich nichts versprechen.“
- „Ich bin leider kaum zum Üben gekommen.“
- „Ich muss mich da erst einarbeiten, aber dafür fehlt die Zeit.“
Häufige Missverständnisse
„Das ist eine bewusste Ausrede.“ Ob es bewusst geschieht, ist in den geprüften Quellen nicht empirisch geklärt. Thürmer et al. (2013) nehmen an, dass das Verhalten bewusst kontrolliert sein kann, die Motive aber außerhalb der Wahrnehmung wirken können, testen das aber nicht. Weder „bewusst“ noch „unbewusst“ ist belegt.
„Aufschieben ist automatisch Self-Handicapping.“ Nach Schwinger et al. gehört die Motivation, das Hindernis als Entschuldigung für erwartetes Scheitern zu nutzen, zur Definition. Das Verhalten allein genügt nicht.
„Es hilft dem Selbstwert, also ist es sinnvoll.“ Kurzfristig kann es fachspezifische Fähigkeitsüberzeugungen schützen (McCrea & Hirt 2001), langfristig berichten Studien Kosten.
„Es betrifft nur Schule und Studium.“ Der Ursprung (Alkohol, Drogenwahl) liegt außerhalb des Lernens, die meiste Forschung aber im Bildungsbereich.
Stand der Forschung
Ursprung: Die experimentelle Grundlage ist Berglas und Jones (1978, Journal of Personality and Social Psychology, 36(4)). Laut einer Sekundärquelle wählten dort Männer nach unverdientem Erfolg häufiger ein leistungsminderndes Mittel. Das Original habe ich nicht gelesen, Zahlen nenne ich nicht. Alter und Forgas (2007) schreiben, ihre Studie habe den Befund teilweise repliziert. Die Literatur verwechselt beide Arbeiten häufig: Jones und Berglas (1978) ist die konzeptionelle Arbeit, Berglas und Jones (1978) das Experiment.
Folgen: Ein negativer Zusammenhang mit Leistung ist im Bildungskontext belegt (r = .23 laut Schwinger et al. 2014, zitiert nach Schwinger et al. 2022). Zuckerman und Tsai (2005) berichten laut Abstract, dass sich Self-Handicapping und Fehlanpassung über die Zeit gegenseitig verstärkten; ob die Stichproben Studierende oder Beschäftigte waren, habe ich nicht geprüft.
Schutzfunktion: Bei Studierenden gaben hohe Self-Handicapper mehr Stress und weniger Vorbereitung an und schnitten schlechter ab. Zumindest bei Männern blieb das fachspezifische Fähigkeitsselbstbild erhalten (McCrea & Hirt 2001).
Arbeitskontext: In einer Studie mit 252 Beschäftigten in Südkorea bewerteten Befragte Self-Handicapper negativer als Kontrollpersonen (Shin & Park 2021). Bei 210 Personen hing Self-Handicapping negativ mit transformationaler und positiv mit missbräuchlicher Führung zusammen, vermittelt über Versagensangst (Altan-Atalay et al. 2023; nur Abstract, Design nicht genannt). Belege zu Technik- oder KI-Einführung habe ich nicht gefunden.
Und in Ihrer Organisation?
Wer sich vor dem Scheitern schützt, indem er sich schon vorher unzuständig erklärt, zeigt ein Muster, das ich in der vierten Phase der Führungsebene beschreibe. Die Deutung dieses Satzes als Self-Handicapping ist meine.
Häufige Fragen
Ist Self-Handicapping eine bewusste Ausrede?
Das ist nicht belegt. Die geprüften Quellen setzen eine Entschuldigungs-Motivation voraus, prüfen aber nicht, ob sie bewusst ist. Thürmer et al. (2013) halten beides für möglich. Man sollte weder „bewusst“ noch „unbewusst“ behaupten.
Wer hat den Begriff geprägt?
Edward Jones und Steven Berglas 1978 (Personality and Social Psychology Bulletin). Das zugehörige Experiment zur Drogenwahl stammt von Berglas und Jones (1978) im Journal of Personality and Social Psychology. Beide Arbeiten werden in der Literatur oft vertauscht.
Wann ist Aufschieben Self-Handicapping und wann nicht?
Nach Schwinger et al. lässt sich Self-Handicapping nicht aus dem Verhalten allein ableiten. Dazu gehört die Motivation, das Hindernis als Entschuldigung für erwartetes Scheitern zu nutzen. Wer aufschiebt, weil ihm etwas anderes wichtiger ist, handicapt sich nicht selbst.
Wie wirken Self-Handicapper auf andere?
Eher negativ. In einer Studie mit 252 Beschäftigten in Südkorea bewerteten Befragte Personen, die Self-Handicapping zeigten, schlechter als Kontrollpersonen (Shin & Park 2021). Das ist ein Vignettenexperiment, kein Feldbefund.
Was hilft gegen Self-Handicapping?
In zwei Experimenten mit Studierenden (92 in Deutschland, 119 in den USA) verringerten Wenn-dann-Pläne sowohl behauptetes als auch tatsächliches Self-Handicapping unter Bedrohung (Thürmer et al. 2013). Kurzfristige Studierendenstichproben, kein Beleg für den Arbeitskontext.
Quellen
- Jones, E. E., & Berglas, S. (1978). Control of attributions about the self through self-handicapping strategies: The appeal of alcohol and the role of underachievement. Personality and Social Psychology Bulletin, 4(2), 200–206.
- Berglas, S., & Jones, E. E. (1978). Drug choice as a self-handicapping strategy in response to noncontingent success. Journal of Personality and Social Psychology, 36(4), 405–417.
- Leary, M. R., & Shepperd, J. A. (1986). Behavioral self-handicaps versus self-reported handicaps: A conceptual note. Journal of Personality and Social Psychology, 51(6), 1265–1268.
- Urdan, T., & Midgley, C. (2001). Academic self-handicapping: What we know, what more there is to learn. Educational Psychology Review, 13(2), 115–138.
- Schwinger, M., Trautner, M., Pütz, N., Fabianek, S., Lemmer, G., Lauermann, F., & Wirthwein, L. (2022). Why do students use strategies that hurt their chances of academic success? A meta-analysis of antecedents of academic self-handicapping. Journal of Educational Psychology, 114(3), 576–596.
- Schwinger, M., Wirthwein, L., Lemmer, G., & Steinmayr, R. (2014). Academic self-handicapping and achievement: A meta-analysis. Journal of Educational Psychology, 106(3), 744–761 (Inhalt nur zitiert nach Schwinger et al. 2022).
- Zuckerman, M., & Tsai, F.-F. (2005). Costs of self-handicapping. Journal of Personality, 73(2), 411–442.
- McCrea, S. M., & Hirt, E. R. (2001). The role of ability judgments in self-handicapping. Personality and Social Psychology Bulletin, 27(10), 1378–1389.
- Thürmer, J. L., McCrea, S. M., & Gollwitzer, P. M. (2013). Regulating self-defensiveness: If-then plans prevent claiming and creating performance handicaps. Motivation and Emotion, 37, 712–725.
- Alter, A. L., & Forgas, J. P. (2007). On being happy but fearing failure: The effects of mood on self-handicapping strategies. Journal of Experimental Social Psychology, 43, 947–954.
- Shin, H., & Park, S. W. (2021). Perception of self-handicapping behavior in the workplace: Not that great. Current Psychology, 40(2), 910–918.
- Altan-Atalay, A., Zeytun, D., et al. (2023). An integrative model of the association between leadership styles and employee's self-handicapping behavior. Psychology of Leaders and Leadership, 26(2).
Stand der Recherche: 08.10.2026. Geprüft wurden je nach Zugang Volltexte, Abstracts oder Bibliografien; wo nur Abstract oder Sekundärquelle vorlag, steht das im Text. Zahlen bitte vor Weitergabe am Original prüfen.