Lewins Drei-Phasen-Modell
Das bekannte Schema Auftauen, Verändern, Einfrieren, das Kurt Lewin zugeschrieben wird. Nach einer Analyse von Cummings, Bridgman und Brown (2016) ist die Standardform ein späteres Konstrukt.
- Art
- Praxismodell · Unfreeze, Change, Refreeze
- Stand
- 08.10.2026
Kurz erklärt
Kurt Lewin veröffentlichte 1947 in der Zeitschrift Human Relations den Aufsatz „Frontiers in Group Dynamics“. Laut Cummings, Bridgman und Brown (2016) kommt die Drei-Schritte-Idee dort nur in einem von 25 Unterabschnitten vor, ohne Diagramm und ohne empirische Belege.
Das Wort „refreezing“ hat Lewin nach Cummings et al. nie geschrieben, als frühester Beleg gilt Festinger und Coyle (1950). Lippitt und Kollegen (1958) und Schein (1961) formten die Idee zu Phasenmodellen für Veränderungsagenten, Lehrbücher machten sie ab den 1980er-Jahren zum Standard.
Lewin selbst sprach von quasi-stationären Gleichgewichten, in denen Gruppen in ständiger Bewegung sind.
In Lewins Buch von 1951 beansprucht die Idee nach Cummings et al. zwei kurze Absätze (131 Wörter). Die Autoren schließen, Lewin habe ein solches Drei-Schritte-Modell nie entwickelt, es habe sich nach seinem Tod gebildet.Cummings, Bridgman & Brown (2016), Human Relations. Ich habe das Autorenmanuskript gelesen, Lewins Originaltexte nicht. Burnes (2004) sieht das Drei-Schritte-Modell weiterhin als Teil von Lewins Ansatz.
Wo es im Unternehmen auftaucht
- Ein Veränderungsprojekt wird in „Auftauen, Verändern, Einfrieren“ gegliedert, damit es planbar wirkt.
- Nach der Einführung soll das Neue „verankert“ werden. Ob sich Zustände einfrieren lassen, ist eine andere Frage.
- Das Schema wird mit „Lewin hat bewiesen“ eingeführt.
Typische Situationen aus der Praxis, keine Studienergebnisse.
So klingt es
- „Erst müssen wir sie auftauen.“
- „Nach dem Rollout frieren wir das ein.“
- „Das ist ein klassisches Lewin-Modell.“
Häufige Missverständnisse
„Lewin entwickelte Unfreeze-Change-Refreeze.“ Laut Cummings et al. nicht in dieser Form, das Wort „refreezing“ fehlt bei ihm.
„Lewin hielt Organisationen für starr.“ Er sprach von quasi-stationären Gleichgewichten in ständiger Bewegung (Cummings et al. 2016).
„Das Modell ist empirisch bewährt.“ Eine Prüfung des Schemas habe ich nicht gefunden, und der Lewin-Text führt dafür keine Evidenz an.
„Lewin steht für Top-down-Planung.“ Das ist umstritten. Burnes (2004) widerspricht dieser Kritik.
„Lewins Beitrag zu Wandel ist ein Dreischritt.“ Burnes führt das Drei-Schritte-Modell als einen von vier Bausteinen auf, neben Feldtheorie, Gruppendynamik und Aktionsforschung.
Stand der Forschung
Wie viel stammt von Lewin? Die Idee des Auftauens, Bewegens und Festigens stammt aus Lewin 1947 und 1951, dort sehr kurz. Das Wort „refreezing“, die lineare Phasenform, die Anwendung auf Veränderungsagenten und die Etablierung als „Lewins Modell“ stammen nach Cummings et al. von anderen. Meine Prüfung beruht auf Cummings et al., Lewins Originaltext habe ich nicht gelesen.
Empirie: Eine empirische Prüfung des Drei-Schritte-Schemas als solchem habe ich nicht gefunden.
Kritik: Laut Cummings et al. nennen Kanter et al. (1992) das Modell linear und statisch, weitere Kritik kommt von Child (2005) und Clegg et al. (2005). Cummings et al. selbst sehen die Eis-Metapher im Widerspruch zu Lewins eigener Sicht ständiger Bewegung.
Verteidigung: Burnes (2004) zählt zu Lewins „Planned approach“ Feldtheorie, Gruppendynamik, Aktionsforschung und das Drei-Schritte-Modell. Er widerspricht vier Kritiken (setzt stabile Organisationen voraus, nur für kleine Veränderungen, ignoriert Macht, top-down) und hält den Ansatz für weiterhin relevant (Abstract). Seinen Volltext habe ich nicht gelesen.
Uneinigkeit: Bei der Zuschreibung (Cummings et al.: kein Lewin-Modell, Burnes' Abstract führt das Schema als Element von Lewins Ansatz auf) und bei der Aktualität (veraltet gegen weiterhin relevant).
KI-Einführung: Studien zur KI-Einführung und diesem Schema habe ich nicht gefunden. Wer es nutzt, sollte es als Denkhilfe kennzeichnen („in der Tradition Lewins“ statt „Lewin bewies“). Das ist eine Folgerung und keine Studie.
Und in Ihrer Organisation?
Wer ein Veränderungsprojekt in Phasen gliedert, sollte das Schema als Denkhilfe kennzeichnen. Mein eigenes Modell der vier Phasen der Führungsebene ist ein anderes Werkzeug: Es beschreibt, wie sich die Führungsebene zu Digitalisierung stellt, und ist nicht empirisch geprüft.
Häufige Fragen
Was besagt Lewins Drei-Phasen-Modell?
Die verbreitete Form beschreibt Veränderung als drei Schritte: Auftauen (Unfreeze), Verändern (Change) und Wiedereinfrieren (Refreeze). Nach Cummings, Bridgman und Brown (2016) hat Lewin ein solches Modell nie entwickelt, es habe sich nach seinem Tod gebildet.
Hat Lewin Unfreeze-Change-Refreeze entwickelt?
Die Idee findet sich bei Lewin (1947, 1951) kurz, in einem Unterabschnitt und zwei Absätzen, ohne Diagramm und ohne empirische Belege. Die Standardform als Drei-Schritte-Modell stammt nach Cummings et al. von anderen. Burnes (2004) führt das Modell weiterhin als Teil von Lewins Ansatz auf.
Woher kommt das Wort „Refreezing“?
Nach Cummings et al. hat Lewin es nie geschrieben. Als frühester Beleg gilt Festinger und Coyle (1950). Im Management-Kontext taucht es laut ihrer Analyse zuerst bei Schein auf.
Ist das Modell empirisch bewährt?
Eine Prüfung des Schemas habe ich nicht gefunden, und der Lewin-Text führt dafür keine Evidenz an.
Ist das Modell veraltet?
Darüber gibt es Streit. Kanter et al. (1992) nennen es laut Cummings et al. linear und statisch, Burnes (2004) hält Lewins Ansatz für weiterhin relevant und widerspricht vier verbreiteten Kritikpunkten.
Quellen
- Lewin, K. (1947). Frontiers in group dynamics: Concept, method and reality in social science; social equilibria and social change. Human Relations, 1(1), 5–41.
- Lewin, K. (1951). Field theory in social science (D. Cartwright, Hrsg.).
- Cummings, S., Bridgman, T., & Brown, K. G. (2016). Unfreezing change as three steps: Rethinking Kurt Lewin's legacy for change management. Human Relations, 69(1), 33–60.
- Burnes, B. (2004). Kurt Lewin and the planned approach to change: A re-appraisal. Journal of Management Studies, 41(6), 977–1002.
Stand der Recherche: 08.10.2026. Geprüft wurden je nach Zugang Volltexte, Abstracts oder Bibliografien; wo nur Abstract oder Sekundärquelle vorlag, steht das im Text. Zahlen bitte vor Weitergabe am Original prüfen.