Selbstwirksamkeit
Die Überzeugung, die für eine Aufgabe nötigen Handlungen organisieren und ausführen zu können. Gemeint ist der Glaube an die eigene Handlungsfähigkeit, nicht das Können selbst.
- Art
- Motivation und Selbst · Self-Efficacy
- Stand
- 08.10.2026
Kurz erklärt
Der Begriff geht auf Albert Bandura zurück, der ihn 1977 in Psychological Review einführte (84(2), 191–215). Selbstwirksamkeit ist die Überzeugung, die für eine Aufgabe nötigen Handlungen organisieren und ausführen zu können. Sie ist nicht die Fähigkeit selbst.
Nach Bandura (1977) bestimmen solche Erwartungen persönlicher Wirksamkeit, ob Bewältigungsverhalten begonnen wird, wie viel Anstrengung aufgewendet wird und wie lange sie angesichts von Hindernissen durchgehalten wird.
Er nennt vier Informationsquellen: eigene Erfolgserfahrungen, stellvertretende Erfahrung (andere beobachten), verbale Überzeugung und physiologische Zustände. Je verlässlicher die Quelle, desto stärker verändert sich die Selbstwirksamkeit. Bloßer Zuspruch ist demnach die schwächste Grundlage.
Eine Meta-Analyse über 114 Studien (N = 21.616) fand eine mittlere Korrelation von .38 zwischen Selbstwirksamkeit und arbeitsbezogener Leistung (Stajkovic & Luthans 1998).Eine Korrelation sagt nichts über die Richtung. Siehe Stand der Forschung.
Wo es im Unternehmen auftaucht
- Erfahrene Fachleute sollen ein neues Werkzeug nutzen und fühlen sich plötzlich als Anfänger. Die Frage lautet nicht „Kann ich das lernen?“, sondern „Kann ich das vor anderen?“.
- Fragen werden spät oder heimlich gestellt, und Neues bleibt bei Einzelnen hängen.
- Schulungen sind gut besucht, im Alltag wird das Gelernte trotzdem nicht angewendet.
Typische Situationen aus der Praxis, keine Studienergebnisse.
So klingt es
- „Ich weiß nicht, ob ich das noch lerne.“
- „Ich will mich da nicht blamieren.“
- „Lass das lieber die Jüngeren machen.“
Häufige Missverständnisse
Selbstwirksamkeit ist Selbstbewusstsein. Selbstwirksamkeit ist ein Urteil über die eigene Handlungsfähigkeit, Selbstwertgefühl ein Urteil über den eigenen Wert. Die Arbeitspsychologie erfasst beides getrennt, mit unterschiedlichen Zusammenhängen (Judge & Bono 2001).
Selbstwirksamkeit heißt, etwas zu können. Es geht um den Glauben an die eigene Handlungsfähigkeit, unabhängig von den tatsächlichen Fähigkeiten.
Mehr Selbstwirksamkeit führt immer zu mehr Leistung. Zwischen Personen ist der Zusammenhang positiv, innerhalb einer Person über die Zeit teils negativ oder unbedeutend. Nach Kontrolle von Persönlichkeit, Fähigkeit und Erfahrung ist der eigenständige Beitrag klein.
Man baut sie mit Motivationssprüchen auf. Verbale Überzeugung ist bei Bandura eine von vier Quellen, und die verlässlichen Erfahrungsquellen wirken stärker.
Stand der Forschung
Gut belegt: Der positive Zusammenhang zwischen Selbstwirksamkeit und Leistung zwischen Personen. Judge und Bono (2001) schätzten wahre Korrelationen von .45 mit Arbeitszufriedenheit und .26 mit Arbeitsleistung (Selbstwertgefühl: .26 und .23).
Debattiert: Die Richtung. Vancouver et al. (2001), Yeo und Neal (2006), Richard et al. (2006) und Sitzmann und Yeo (2013) zeigen, dass innerhalb einer Person über die Zeit Selbstwirksamkeit eher Folge früherer Leistung als deren Ursache ist. Bandura und Locke (2003) widersprechen und verweisen auf neun Meta-Analysen. Beide Befundlagen sind publiziert, die Frage ist nicht abschließend entschieden.
Eigenständiger Beitrag: Nach Kontrolle von Persönlichkeit, kognitiver Fähigkeit und Erfahrung war der Beitrag der Selbstwirksamkeit zur Arbeitsleistung klein und zeigte sich nur bei Aufgaben geringer Komplexität (Judge et al. 2007).
Technik und KI: Computer-Selbstwirksamkeit beeinflusst laut einer Befragung kanadischer Manager und Fachkräfte Erwartungen, Ängste und tatsächliche Nutzung (Compeau & Higgins 1995). Eine Meta-Analyse über 683 Arbeiten (749 Stichproben) bestätigt die Relevanz, benennt aber große Lücken im Wissen darüber, wie sie entsteht (Johnson et al. 2026). Zu KI gibt es Einzelstudien, kein Review, etwa eine Querschnittstudie mit 392 Beschäftigten in China, in der mittlere Selbstwirksamkeit mit der stärksten Verunsicherung durch KI einherging (Liu & Ye 2026).
Und in Ihrer Organisation?
„Selbstwirksamkeit“ ist eine der fünf Stellen im Ready-Check: Trauen sich Menschen zu, Neues zu lernen? Der Check ist ein Gesprächseinstieg und keine validierte Messung.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Selbstwirksamkeit und Selbstbewusstsein?
Selbstwirksamkeit bezieht sich auf die Überzeugung, bestimmte Handlungen ausführen zu können. Selbstwertgefühl ist ein Urteil über den eigenen Wert. In der Arbeitspsychologie werden beide getrennt erfasst und hängen unterschiedlich stark mit Zufriedenheit und Leistung zusammen (Judge & Bono 2001). Das heißt nicht, dass sie unabhängig voneinander sind.
Woraus entsteht Selbstwirksamkeit?
Bandura (1977) nennt vier Quellen: eigene Erfolgserfahrungen, stellvertretende Erfahrung, verbale Überzeugung und physiologische Zustände. Laut einer Zusammenfassung der Schulforschung gilt die eigene frühere Leistung als stärkste Quelle (Usher & Pajares 2008; nur Sekundärquelle gelesen, nur Schulkontext).
Führt hohe Selbstwirksamkeit immer zu besserer Leistung?
Nein. Zwischen Personen gibt es einen positiven Zusammenhang. Innerhalb einer Person über die Zeit kann er negativ oder nahe null sein, und Leistung prägt die Selbstwirksamkeit stärker als umgekehrt (Yeo & Neal 2006; Sitzmann & Yeo 2013). Bandura und Locke (2003) halten mit Verweis auf Meta-Analysen dagegen. Die Debatte ist offen.
Wie wird Selbstwirksamkeit gemessen?
Im deutschsprachigen Raum gängig ist die Skala zur Allgemeinen Selbstwirksamkeitserwartung von Schwarzer und Jerusalem (1995) mit 10 Items. Daneben wird sie aufgabenspezifisch erfasst. Yeo und Neal (2006) unterscheiden beide Formen und fanden gegenläufige Effekte.
Welche Rolle spielt Selbstwirksamkeit bei der Einführung von Technik und KI?
Für Computer ist die Relevanz gut belegt (Compeau & Higgins 1995; Johnson et al. 2026). Für KI gibt es Einzelstudien aus einzelnen Ländern, aber kein Review. Eine Studie mit 301 Beschäftigten in China fand, dass technische Selbstwirksamkeit den negativen Weg über KI-Angst abschwächte und den positiven über Technostress-Herausforderungen verstärkte (Chang et al. 2024; Schneeballstichprobe, eine Region).
Quellen
- Bandura, A. (1977). Self-efficacy: Toward a unifying theory of behavioral change. Psychological Review, 84(2), 191–215.
- Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The exercise of control. New York: W. H. Freeman.
- Stajkovic, A. D., & Luthans, F. (1998). Self-efficacy and work-related performance: A meta-analysis. Psychological Bulletin, 124(2), 240–261.
- Judge, T. A., & Bono, J. E. (2001). Relationship of core self-evaluations traits (self-esteem, generalized self-efficacy, locus of control, emotional stability) with job satisfaction and job performance: A meta-analysis. Journal of Applied Psychology, 86(1), 80–92.
- Judge, T. A., Jackson, C. L., Shaw, J. C., Scott, B. A., & Rich, B. L. (2007). Self-efficacy and work-related performance: The integral role of individual differences. Journal of Applied Psychology, 92(1), 107–127.
- Vancouver, Thompson & Williams (2001). The changing signs in the relationships among self-efficacy, personal goals, and performance. Journal of Applied Psychology, 86(4), 605–620.
- Yeo & Neal (2006). Journal of Applied Psychology, 91(5), 1088–1101.
- Richard, Diefendorff & Martin (2006). Human Performance, 19(1), 67–87.
- Sitzmann & Yeo (2013). A meta-analytic investigation of the within-person self-efficacy domain: Is self-efficacy a product of past performance or a driver of future performance? Personnel Psychology, 66(3), 531–568.
- Bandura & Locke (2003). Negative self-efficacy and goal effects revisited. Journal of Applied Psychology, 88(1), 87–99.
- Usher & Pajares (2008). Sources of self-efficacy in school: Critical review of the literature and future directions. Review of Educational Research, 78(4), 751–796.
- Schwarzer, R., & Jerusalem, M. (1995). Generalized Self-Efficacy scale. In J. Weinman, S. Wright & M. Johnston (Eds.), Measures in health psychology (S. 35–37). Windsor: NFER-NELSON.
- Compeau, D. R., & Higgins, C. A. (1995). Computer self-efficacy: Development of a measure and initial test. MIS Quarterly, 19(2), 189–211.
- Johnson, Pullin, Thatcher & Roth (2026). Journal of the Association for Information Systems, 27(1), 153–188.
- Chang, Zhang, Cai & Guo (2024). Psychology Research and Behavior Management, 17, 413–427.
- Liu & Ye (2026). The forgotten middle: How moderate self-efficacy amplifies the threat of AI through job insecurity. Frontiers in Psychology, 16.
Stand der Recherche: 08.10.2026. Geprüft wurden je nach Zugang Volltexte, Abstracts oder Bibliografien; wo nur Abstract oder Sekundärquelle vorlag, steht das im Text. Zahlen bitte vor Weitergabe am Original prüfen.