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Bestätigungsfehler

Die Neigung, Informationen so zu suchen und zu deuten, dass sie zu bestehenden Überzeugungen passen. Breit belegt, aber moderat ausgeprägt und stärker bedingt, als die bekannte Kurzfassung nahelegt.

Art
Entscheidung · Confirmation Bias
Stand
08.10.2026

Kurz erklärt

Peter Wason ließ 1960 29 Psychologiestudierende die Regel hinter der Zahlenfolge 2-4-6 finden (die wahre Regel: aufsteigende Zahlen). Sie durften Zahlentripel testen. 6 von 29 nannten die richtige Regel auf Anhieb, 22 zuerst eine falsche. Wason schloss, die meisten hätten ihre Annahme durch das Sammeln bestätigender Fälle geprüft statt durch Widerlegungsversuche.

Raymond Nickerson (1998) definiert Bestätigungsfehler als Suchen oder Deuten von Belegen zugunsten bestehender Überzeugungen, meist unbewusst. Vom absichtlichen Plädieren, etwa durch Anwälte, trennt er ihn, räumt aber ein, die Grenze sei schwer zu ziehen.

Klayman und Ha (1987) zeigten, dass sich viele als Bestätigungsfehler gedeutete Befunde mit einer allgemeinen Positivtest-Strategie erklären lassen. Sie funktioniert oft gut, kann aber irreführen.

Eine Meta-Analyse über 91 Studien fand eine moderate Bevorzugung stützender Informationen (d ≈ 0,38; Intervall 0,32 bis 0,44). Bei Informationen, die für ein aktuelles Ziel nützlich waren, bevorzugten die Teilnehmenden auch widersprechende.Hart et al. (2009), 67 Berichte, 300 unabhängige Gruppen, knapp 8.000 Personen (Abstract).

Wo es im Unternehmen auftaucht

  • Bei Pilotprojekten werden Erfolge als Bestätigung gelesen und Misserfolge als Einzelfall.
  • Zahlen, die die eigene Strategie stützen, kommen in die Präsentation, die anderen gelten als Sonderfall.
  • Nach der Entscheidung für einen Anbieter werden vor allem Argumente für diese Wahl gesammelt.

Typische Situationen aus der Praxis, keine Studienergebnisse.

So klingt es

  • „Das ist ein Ausreißer.“
  • „Genau das hatten wir ja vermutet.“
  • „Zeig mir, wo es funktioniert hat.“

Häufige Missverständnisse

„Menschen suchen immer nur Bestätigung.“ Die Vorliebe für stützende Information ist moderat (d ≈ 0,4) und kehrt sich um, wenn Gegeninformation für ein Ziel nützlich ist. Bei Wason korrigierten 10 von 13 Teilnehmenden nach einer falschen Regel ihre Annahme.

„Wasons Aufgabe beweist den Bestätigungsfehler im Alltag.“ Klayman und Ha zeigten, dass die Aufgabe so gebaut ist, dass Positivtesten in die Irre führt.

„Bestätigungsfehler ist Wunschdenken.“ Nickerson trennt motivierte und unmotivierte Formen. Nach Kunda (1990) ziehen Menschen gewünschte Schlüsse nur, soweit sie sich vernünftig wirkende Begründungen konstruieren können.

„Fakten verstärken die Gegenmeinung.“ In fünf Experimenten mit über 10.100 Personen und 52 Themen löste keine Korrektur einen solchen Backfire-Effekt aus (Wood & Porter 2019). Unter anderen Bedingungen ist er damit nicht ausgeschlossen.

Stand der Forschung

Meta-Analyse: Hart et al. (2009) fanden die Bevorzugung stützender Information schwächer, wenn die Haltung vorher gestützt wurde, das Thema nicht wertbezogen war oder die Information schlecht war. Das Verteidigungsmotiv erklärt etwa 13 % der Varianz, das Genauigkeitsmotiv zusätzlich etwa 7 %.

Voreingenommene Bewertung: 48 Stanford-Studierende (24 Befürworter und 24 Gegner der Todesstrafe, ausgewählt aus 151) lasen zwei fiktive Studien. Jede Gruppe hielt die zu ihrer Haltung passende für überzeugender, danach waren beide Gruppen polarisierter (Lord et al. 1979). Taber und Lodge (2006) fanden in zwei Experimenten Gegenargumentieren und bestätigende Quellenwahl, am stärksten bei festen Ansichten und hoher politischer Sophistikation (Abstract).

Wo die Forschung uneins ist: Ob der Fehler überhaupt ein Fehler ist (Klayman und Ha sehen im Positivtesten meist eine vernünftige Heuristik, Wason und Nickerson eine Verzerrung), ob er motiviert oder kognitiv ist (Nickerson hält beides für belegt), und ob er nur im Denken oder schon in Wahrnehmung und Konfidenz auftritt (Michel & Peters 2021 argumentieren für Letzteres).

Replikation: Eine Registered- oder Multi-Lab-Replikation von Wasons 2-4-6-Aufgabe oder der Studie von Lord et al. habe ich nicht gefunden, die Suche war nicht abschließend. Gestützt ist das Muster durch eine Meta-Analyse und viele Experimente, nicht durch eine Replikationsserie.

Arbeitskontext: Studien zum Bestätigungsfehler bei der Einführung von Technik in Unternehmen habe ich nicht recherchiert. Dass bei KI-Pilotprojekten Erfolge als Bestätigung und Misserfolge als Einzelfall gelesen werden könnten, ist eine Deutung.

Und in Ihrer Organisation?

Wer ein Vorhaben bewertet, ohne vorher festzulegen, was als Misserfolg gälte, liest Ergebnisse leicht in die eigene Richtung. Das ist eine naheliegende Folgerung, keine geprüfte Intervention.

Häufige Fragen

Was ist der Bestätigungsfehler?

Das Suchen oder Deuten von Belegen zugunsten bestehender Überzeugungen, nach Nickerson (1998) meist unbewusst. Das englische Fachwort lautet Confirmation Bias.

Suchen Menschen wirklich nur nach Bestätigung?

Nein. Eine Meta-Analyse über 91 Studien fand eine moderate Vorliebe für stützende Information (d ≈ 0,38) und eine Vorliebe für widersprechende Information, wenn sie für ein aktuelles Ziel nützlich war (Hart et al. 2009).

Beweist die 2-4-6-Aufgabe den Bestätigungsfehler im Alltag?

Nicht ohne Weiteres. Klayman und Ha (1987) zeigten, dass viele Befunde mit einer Positivtest-Strategie zu erklären sind, die im Alltag oft gut funktioniert. Die Aufgabe ist so gebaut, dass sie in die Irre führt.

Verstärken Fakten die Gegenmeinung?

In fünf Experimenten mit über 10.100 Personen und 52 Themen löste keine Korrektur einen solchen Backfire-Effekt aus (Wood & Porter 2019). Ausgeschlossen ist er unter anderen Bedingungen nicht.

Was hilft im Team gegen den Bestätigungsfehler?

Belegt ist, dass Tests mit Widerlegungschance mehr Erkenntnis bringen (Wason 1960; Klayman & Ha 1987) und dass die Vorliebe für stützende Information schwächer wird, wenn Gegeninformation für ein Ziel nützlich ist (Hart et al. 2009). Daraus folgt als Einordnung: Prüfkriterien vorab festlegen und Gegenbeispiele ausdrücklich suchen. Als Intervention ist das nicht geprüft.

Quellen

  1. Wason, P. C. (1960). On the failure to eliminate hypotheses in a conceptual task. Quarterly Journal of Experimental Psychology, 12(3), 129–140.
  2. Klayman, J., & Ha, Y.-W. (1987). Confirmation, disconfirmation, and information in hypothesis testing. Psychological Review, 94(2), 211–228.
  3. Nickerson, R. S. (1998). Confirmation bias: A ubiquitous phenomenon in many guises. Review of General Psychology, 2(2), 175–220.
  4. Lord, C. G., Ross, L., & Lepper, M. R. (1979). Biased assimilation and attitude polarization: The effects of prior theories on subsequently considered evidence. Journal of Personality and Social Psychology, 37(11), 2098–2109.
  5. Kunda, Z. (1990). The case for motivated reasoning. Psychological Bulletin, 108(3), 480–498.
  6. Hart, W., Albarracín, D., Eagly, A. H., Brechan, I., Lindberg, M. J., & Merrill, L. (2009). Feeling validated versus being correct: A meta-analysis of selective exposure to information. Psychological Bulletin, 135(4), 555–588.
  7. Taber, C. S., & Lodge, M. (2006). Motivated skepticism in the evaluation of political beliefs. American Journal of Political Science, 50(3), 755–769.
  8. Wood, T., & Porter, E. (2019). The elusive backfire effect: Mass attitudes' steadfast factual adherence. Political Behavior, 41(1), 135–163.
  9. Michel, M., & Peters, M. A. K. (2021). Confirmation bias without rhyme or reason. Synthese.

Stand der Recherche: 08.10.2026. Geprüft wurden je nach Zugang Volltexte, Abstracts oder Bibliografien; wo nur Abstract oder Sekundärquelle vorlag, steht das im Text. Zahlen bitte vor Weitergabe am Original prüfen.